
David Morier (1705–1770): Bannalist und Pandur, Freikorps Trenck, um 1742. Royal Collection, London. Gemeinfrei.
Die bayerischen Archive sind voll solcher Berichte, Schadenslisten, Ratsprotokolle und Briefe, die die Habgier und Grausamkeit kroatischer Söldner im Österreichischen Erbfolgekrieg schildern. Ihre Akteure sind die Grenzkrieger: Kroaten und Panduren, rekrutiert an der habsburgisch-osmanischen Militärgrenze, gefürchtete und zugleich faszinierende Protagonisten des sogenannten Kleinen Krieges im Europa des 18. Jahrhunderts.
Ich bin Historiker. Mitten in der Promotion stieg ich aus, für über ein Jahrzehnt. Ich baute eine kleine Webdesign-Agentur auf, absolvierte eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und arbeite heute als Java-Fullstack-Entwickler. Jetzt habe ich die Zeit und den Rückhalt, dieses lange brachliegende Dissertationsprojekt in eigener Verantwortung wieder aufzunehmen und würdig abzuschließen. In der Werkstatt halte ich fest, woran ich gerade arbeite: an Quellenfunden, Methoden, vorläufigen Thesen. Vieles davon ist Gedankengang, nicht Ergebnis.
Das Projekt
Die Dissertation untersucht diese Gewaltakteure über die gesamte Spanne der Kabinettskriege zwischen 1733 und 1763 – vom Polnischen Erbfolgekrieg über den österreichisch-osmanischen Krieg von 1737–1739 und den Österreichischen Erbfolgekrieg bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges. Der Türkenkrieg gehört dabei ausdrücklich dazu: jener Krieg, für den diese Truppen ursprünglich bestellt waren – und ohne den ihr Auftreten auf den westlichen Kriegsschauplätzen nicht zu verstehen ist.
Erzählt wird damit ein ganzer Bogen: von der privilegierten Wehrbevölkerung der Militärgrenze über den europaweiten Schrecken der 1740er Jahre bis zur Umformung der alten Grenzmilizen in reguläre Regimenter – und zu dem, was davon in Votivtafeln, Festspielen und Erinnerung blieb.
Fragestellung
Kroaten und Panduren galten ihren Zeitgenossen als grundlegend anders: als exzessiv, unkalkulierbar, unkontrollierbar. Ihnen eilte ein Ruf voraus, der noch Jahrzehnte nach ihrem Abzug in lokalen Erinnerungskulturen – von hessischen Chroniken bis zu bayerischen Pandurenfestspielen – lebendig blieb. Zugleich waren sie kein Fremdkörper, sondern ein Instrument: angeworben, privilegiert und eingesetzt von derselben Monarchie, die ihre Gewalt immer wieder vor Probleme stellte.
Im Zentrum steht deshalb die Frage der Einhegung: Wie versuchten Recht, Militärverwaltung und Staat, diese Gewalt zu regulieren – und warum gelang oder scheiterte das? Drei Teilfragen leiten die Arbeit:
- Gewaltpraktiken: Wie handelten Kroaten und Panduren tatsächlich – an der osmanischen Grenze, in Bayern, am Rhein, in Böhmen und Sachsen? Welche Situationen, Konstellationen und Eigenlogiken bestimmten ihren Kleinen Krieg?
- Einhegung: Wie versuchte die Habsburgermonarchie, die Gewalt ihrer Grenztruppen zu bändigen – mit Kriegsartikeln und Kriegsgerichten, mit Pardon-Regeln, Disziplin im Feld, schließlich mit der Reform der Militärgrenze selbst?
- Aushandlung: Wie reagierten die Grenzer selbst auf diese Zugriffe – zwischen Gehorsam und Eigensinn, Meuterei und Auswanderung?
Die zeitgenössische Wahrnehmung und Publizistik bleiben dabei im Blick – nun aber als Teil dieser Geschichte: Wer als »unzivilisiert« galt, dem konnten die Regeln des Krieges verweigert werden. Beschreibung, Konstruktion und Rechtsfolge sind hier kaum zu trennen.
Wie hegt man eine Gewalt ein, die man selbst bestellt hat?
Forschungskontext
Ursprünglich entstand das Projekt als Teilprojekt der DFG-Forschergruppe »Gewaltgemeinschaften« (FOR 1101) an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das Teilprojekt »Fremde Gewalt – Grenzkriegergruppen im Binnenraum des europäischen Kriegstheaters im 17. und 18. Jahrhundert« (2012–2016) leitete Prof. Dr. Horst Carl. Heute führe ich die Arbeit unabhängig fort.
Der theoretische Rahmen verbindet zwei Forschungsstränge. Aus der Gewaltforschung stammt der Begriff der Gewaltgemeinschaft: eine Gruppe, die vor allem die gemeinsame Gewalt zusammenhält. Solche Gewalt ist hier kein krankhafter Ausnahmezustand, sondern soziales Handeln mit eigenen Regeln. Dazu tritt die jüngere Forschung zur Regulierung des Krieges im 18. Jahrhundert, die Kriegsrecht und Kriegsgerichtsbarkeit, Pardon und Repressalie und die Verwaltungsgeschichte der Militärgrenze untersucht. An der Schnittstelle beider Stränge liegt die Frage dieser Arbeit.
Gegenüber der militärgeschichtlichen Forschung, die den Kleinen Krieg und seine Akteure lange aus der Perspektive der militärischen Führung beschrieben hat, verfolgt das Projekt einen mikrohistorischen Zugang von unten. Wer waren diese Männer? Wie handelten sie situativ? Wie gingen Justiz und Verwaltung mit ihnen um – und sie mit beiden?
Quellen und Methode
Die Arbeit beruht auf rund 18.000 eigenen Archivaufnahmen aus knapp zwanzig Archiven in sieben Ländern – von Wien und Zagreb über die bayerischen Lokalarchive bis Paris, Berlin und Madrid –, ergänzt um digitale Zeitungs- und Aktenkorpora und die Selbstzeugnisse der Beteiligten, allen voran die Memoiren des Grenzoffiziers Simeon Piščević. Jedes Kapitel beginnt mit einer einzigen Szene – einem Überfall, einem Verhör, einem Prozesstag – und arbeitet sich von dort ins Große vor. Wie ich das Material erschließe, steht auf der Seite Quellen & Methode.
Woran ich gerade arbeite – Quellenfunde, Methoden, vorläufige Thesen – steht fortlaufend in der Werkstatt. Den Aufbau der Arbeit und den Stand der Kapitel zeigt die Gliederung; wer auf dem Laufenden bleiben möchte, abonniert den RSS-Feed.