Es klingt wie eine Fangfrage, ist aber das Fundament-Problem dieser Arbeit: Wenn eine bayerische Ratsstube 1742 über „einquartierte Croaten“ klagt – wen meint sie dann eigentlich?
Die deutschsprachigen Quellen des 18. Jahrhunderts verwenden „Croaten“ als Sammelbegriff für so ziemlich alles, was aus dem Südosten der Habsburgermonarchie zu Pferd oder zu Fuß heranrückte. Daneben laufen, teils synonym, teils unterscheidend: Sclavonier, Raitzen, Illyrer, Hayducken, Panduren, gelegentlich Albanesen. Hinter diesen Etiketten verbergen sich Menschen aus der Militärgrenze – einer Region, deren Bevölkerung konfessionell und sprachlich so gemischt war, dass sich im Einzelfall kaum sagen lässt, ob man es mit Katholiken oder Orthodoxen, mit kroatisch-, serbisch- oder ungarischsprachigen Grenzern zu tun hat. Die Beobachter im Reich waren über diese Binnendifferenzen erkennbar schlecht informiert – und hatten auch wenig Anlass zur Präzision. Wer eine Schadensliste einreichte, um Steuererleichterung zu erwirken, brauchte einen wiedererkennbaren Schrecken, keine Ethnographie.
Diese Überlegung stand schon am Anfang meines allerersten Projektvortrags (Erlangen 2013), und sie ist seitdem nur dringlicher geworden. Denn sie hat zwei unbequeme Konsequenzen.
Erstens: Der Quellenbegriff taugt nicht als analytische Kategorie. Wer „die Kroaten“ des Erbfolgekriegs als ethnische Gruppe untersucht, übernimmt unbesehen die Unschärfe der zeitgenössischen Wahrnehmung – und schreibt sie fort. Ich versuche deshalb, die Identifikation der Verbände von den Ethnonymen zu entkoppeln. Wer tatsächlich vor Ort war, klärt sich über Regimenter, Marschrouten und Musterlisten, nicht über das, was ein erschrockener Chronist „Croaten“ nannte.
Zweitens – und das ist der produktive Teil: Gerade weil das Etikett so unpräzise ist, ist es eine erstklassige Quelle. Nur eben nicht für die Grenzer, sondern für die, die es vergaben. Die Sammelbezeichnung verrät, wie Fremdheit im Reich sortiert wurde: nicht nach Herkunft, sondern nach Erwartung. „Croate“ war weniger ein Volksname als eine Verhaltensprognose.
Für die Arbeit heißt das: Ich führe konsequent doppelt Buch. Eine Spur verfolgt die tatsächlichen Verbände und ihre Bewegungen; die andere verfolgt das Etikett und seine Karriere. Die spannendsten Befunde liegen erfahrungsgemäß dort, wo beide Spuren auseinanderlaufen – wo „Croaten“ gemeldet wurden, obwohl nachweislich ganz andere Truppen im Quartier lagen.